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Minderjährige Aupairs in der Schweiz
Zur Lage minderjähriger Haushaltshilfen
Minderjährige werden auch in der Schweiz als Hausangestellte beschäftigt. Ihre Zahl ist unbekannt, aber nun eine Studie wirft zumindest ein Licht auf ihre Lebensumstände. Viele "illegale" Hausmädchen stammen aus den Ländern des Südens.
Zu der Anzahl existieren nur Schätzungen. Die Gewerkschaft Bau und Industrie glaubt, daß 1999 60 000 bis 100 000 Personen in der Schweiz «schwarz» putzten.
Wissenschaftliche Studien zu den minderjährigen Hausangestellten in der Schweiz fehlten bisher.
Im Auftrag von Terre des hommes Schweiz machte Luzia Jurt Neuland minderjährige Hausangestellte ausfindig und befragte sie zu ihrer Lebenslage, Herkunft und Arbeitssituation.
Die Studie, die Jurt kürzlich an einer Tagung von Terre des hommes in Basel präsentierte, verzichtet auf eine quantitative Schätzung der minderjährigen, illegal hier Kinder hütenden, Kranke pflegenden, putzenden Haus- und Dienstmädchen - der Zugang nur schon zu einer kleinen Gruppe erwies sich als schwierig genug. Vielmehr zeigt die Studie das breite Spektrum der Arbeits- und Lebensbedingungen von jungen Hausangestellten. Dieses reicht vom rechtlich gut geschützten Schweizer Au-pair, das mit Arbeitsvertrag in einer kontrollierten Familie lebt, bis hin zum jungen ausländischen Hausmädchen, das ohne Aufenthaltsbewilligung unter schwierigsten Bedingungen hier tätig ist.
Insgesamt konnte Jurt über informelle Kontakte zehn junge Frauen finden, die als Minderjährige (heute oder in den letzten fünf Jahren) in Privathaushalten arbeiteten und zu Interviews bereit waren. Neun Fälle konnten ausgewertet werden: Eveline, Flavia und Amélie, alle drei Au- pairs aus der Schweiz oder Frankreich; Belinda aus Brasilien, Caroline aus Nigeria, Gloria aus Peru, Hermiña aus Bolivien, Isabel aus Ecuador und Kader aus der Türkei, alle sechs arbeitsrechtlich illegal als Hausmädchen oder Putzfrau beschäftigt, drei davon ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz, die anderen drei als Touristin, Studentin oder als Asylsuchende registriert.
Ihre Arbeitgeber sind teils schweizerische, teils ausländische und binationale Familien, einige gehören eher zur Oberschicht, andere zur Unterschicht. "Minderjährige Hausangestellte sind daher weder ein schichtspezifisches noch ein ethnisches Problem", so Jurt. Vermittelt wurden die legalen Arbeitsverhältnisse durch Organisationen, die illegalen über Inserate oder Privatpersonen.
Lohn, Arbeitszeit, Unterkunft und Bewegungsfreiheit der Mädchen schwanken beträchtlich. Um es anhand der Extreme zu veranschaulichen:
Das Schweizer Au-pair Eveline lebt und arbeitet relativ komfortabel und befristet bei einer welschen Familie, mit Arbeitsvertrag, mit eigenem Zimmer, mit einem Lohn von 500 bis 600 Franken pro Monat; sie darf einen Sprachkurs besuchen und hat Freizeit.
Die 17-jährige Gloria aus Peru andererseits arbeitete illegal bei einer Familie in der Schweiz, von fünf Uhr morgens bis neun Uhr abends. Den Lohn von 50 Franken pro Monat erhielt sie bald nicht mehr, einen festen Ort zum Schlafen hatte sie nicht, ihre Matratze verstaute sie tagsüber im Bad. In die Schweiz gekommen war sie via eine peruanische Bekannte, die ihr versprochen hatte, hier studieren zu können, wenn sie nebenher auf ihr Kind aufpasse - leere Versprechungen, wie sich herausstellte. Ihr Arbeitgeber verbot Gloria, auszugehen oder Kontakt mit den Eltern aufzunehmen. Der Sohn der Familie belästigte sie sexuell und versuchte schliesslich sie zu vergewaltigen. Nach diesem Vorfall wurde die in der Stadt herumirrende Gloria von der Polizei aufgegriffen. Sie war in so schlechter Verfassung, daß sie sechs Monate in einer psychiatrischen Klinik therapiert werden mußte.
Geregelte Arbeitsbedingungen gefordert
Die Erfahrungen der anderen Interviewten lassen sich zwischen den Extremen Eveline und Gloria ansiedeln. Allen gemeinsam aber war, dass es den jungen Frauen nur sehr begrenzt gelang, ein soziales Netz aufzubauen. Keine von ihnen sah ihre berufliche Zukunft als Hausangestellte, sie wünschten eine weitere berufliche Qualifizierung. Keine der jungen Frauen litt an der Hausarbeit an sich, sondern an den Bedingungen, unter denen sie ausgeführt werden musste. Daraus leitete die Autorin auch eine Folgerung ab: Es müssten kontrollierte Arbeitsbedingungen für alle geschaffen werden. Dieser Forderung schliesst sich Katja Schurter von Terre des hommes Schweiz an: Eine Ausweitung des Au- pair-Status auf Personen von Ländern des Südens könne die Situation verbessern, meint sie. Ausserdem befürwortet Schurter eine öffentliche Sensibilisierungskampagne. Dies im Unterschied zu Jurt, die befürchtet, eine solche könnte dazu führen, dass die jungen Frauen noch mehr im Haus zurückgehalten werden.
Auf öffentliche Sensibilisierung setzen die beiden Vertreterinnen des Südens, Justa Mwaitika in Tansania und die Soziologin Vilma Reis in Brasilien. In beiden Ländern sind Kinder und Jugendliche als Hausangestellte weit verbreitet. Vilma Reis machte an der Tagung vor allem eines deutlich: Unterbezahlte weibliche, in Brasilien meist dunkelhäutige Hausangestellte sind nicht nur eine Folge der Armut, sondern auch von Rassismus und Sexismus.
Luzia Jurt: Minderjährige Hausangestellte in der Schweiz.
Brugg 2004
www.fh-aargau.ch/main/Show$Id=6437.html
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